Angst bremst Fortschritt aus. Aufklärung hingegen baut Unsicherheit ab und erhöht die Chancen für Neues. Mit diesem Themenkomplex beschäftigt sich Microsoft-Deutschland-Chefin Sabine Bendiek in einem Beitrag auf LinkedIn. Ihr Beispiel: Künstliche Intelligenz. Dazu wünscht sie sich eine konstruktive, faktenbasierte Auseinandersetzung. Die muss das Bauchgefühl aber erst einmal zulassen... Ein Kurzplädoyer für eine leidenschaftliche Überkommunikation rund um die großen Innovationsthemen. 

"...viele Ängste lassen sich durch 'Factfulness' besiegen", schreibt Sabine Bendiek, "zum Beispiel die Angst, dass #KI zu Massenarbeitslosigkeit führt. Fakt ist, dass technologischer Fortschritt stets mehr neue Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet." 

Mal sehen, wie die Information rund um diesen Aspekt von KI ganz spontan auf mich wirkt, ohne Recherchen oder Faktenprüfung: 

  • Ich glaube das Statement erst mal, im Großen und Ganzen. Schließlich gibt es immer mehr Menschen und immer weniger, denen es schlecht geht. Technisch hochentwickelten Ländern geht es auch im Vergleich besonders gut, oder?
  • Erste Zweifel schleichen sich ein. Sind da nicht die vielen Minijobs, Billiglöhner, Mehrfachjobber? War das nicht mal besser?
  • Weitere Zweifel: Und die Zwischenphasen? Bis wir die Bildungssysteme angepasst haben? Neue Technologien haben schon auch immer wieder vielen Menschen den Job gekostet.
  • Weitere Fragen: Wie weit ist denn KI? Welche Jobs trifft es denn zuerst? Habe ich eben "trifft" geschrieben? Impliziert ja negative Konsequenzen... Warum nicht "welche Jobs profitieren als erste von den neuen Möglichkeiten"?
  • Persönliche Fragen: KI in der Kommunikation - ist noch ein Stück weg, oder? Ist das schon dringlich? Jim Sternes "AI in Marketing" liegt zu Hause, noch nicht angefangen. Schlechtes Gewissen. Wenigstens schon die ersten Kapitel von "Master Algorithm" durch.
  • Konkrete Fragen: Und welche Skills wären denn ganz konkret gefragt, um bei KI am Ball zu bleiben? Bei mir?
  • Zukunftsfragen: Das Thema entwickelt sich so schnell. Was rate ich meinen Kinden, wenn sich die mal für eine berufliche Richtung entscheiden müssen? Was können Rechner dann, wo ist noch Platz für den Menschen?

Bauchgefühl und Kopf wechseln sich ab bei einer spontanen Auseinandersetzung mit dem Thema. Schnell ist klar: KI ist zu groß, zu komplex in den Auswirkungen. Hier wird es keine einfachen Antworten oder simplen Wahrheiten geben. Nun arbeite ich in der Kommunikation, unsere Kunden sind Tech-Unternehmen. Ich bin Technologie-Optimist und weiß bestimmt mehr über Innovationsthemen, als ein Großteil der Bevölkerung. Und trotzdem Bedenken und so viele Fragen? 

Ja, natürlich.  KI ist nicht einfach eine neue Technologie. KI hat das Potential, unsere Gesellschaft komplett zu verändern (siehe "The Singularity is Near" von Kurzweil). Industriegesellschaft, Informationsgesellschaft - und dann? Wie nennen wir das, was jetzt kommt? Einen Namen brauchen wir, denn da entsteht etwas komplett Neues. Einen Namen, und dann idealerweise das größte Kommunikationsprogramm, das je aufgelegt wurde. 

Denn ohne eine breite Unterstützung in der Bevölkerung wird KI auf viele bzw. noch mehr Hürden stoßen. "Kleinere" technische Innovationthemen taten sich in der jüngsten Vergangenheit schwer, u.a. auch weil die begleitende Kommunikation viel zu klein gedacht war. Zwei Beispiele:

  • CRISPR: Mit der Genschere CRISPR veränderte Organismen ähndeln solchen mit natürlichen Mutationen, so (oder so ähnlich, entschuldigen Sie unpräzise Formulierungen an der Stelle) die Wissenschaft. Der EuGH macht hingegen keinen Unterschied zu klassischer Gentechnik und erschwert die Vermarktung von CRISPR-Pflanzen in Europa. Ein Ergebnis von Mangelkommunikation, meint auch Redakteur Volkart Wildermuth auf der Website des Deutschlandfunk: "Wenn Forscher wollen, dass CRISPR-Pflanzen auch in Europa eine Chance bekommen, dann müssen sie sich auf die öffentliche Debatte einlassen".
  • CO2-Speicher (CCS): "Wir könnten alle Emissionen aufnehmen", so ein aktueller ZEIT-Titel und gleichzeitig die Aussage des Statoil-Chefs, der CO2 in die leeren Erdgasfelder vor der Norwegischen Küste pressen will. "...fast alle Fachleute [gehen] davon aus, dass eine Umsetzung des Pariser Klimaabkommens ohne CCS gar nicht möglich sein wird" heißt es im Artikel. Ob das Verfahren in Norwegen oder anderswo eine Chance bekommt ist trotzdem ungewiss, auch eine ungenügende Kommunikation hat das Thema zumindest in Deutschland verbrannt: "Eine schwarze Gasmaske auf gelbem Grund wurde Anfang des Jahrzehnts hierzulande zum Symbol der Proteste gegen die 'Zeitbombe im Boden'. [...] Die Ablehnung war so groß [...], dass die schwarz-gelbe Bundesregierung 2012 ein Gesetz erließ, das CCS-Forschung und -Entwicklung in Deutschland praktisch unmöglich macht."

Wer seiner Zukunftstechnologie gute Startchancen verschaffen will, muss es besser machen als die Stakeholder bei CRISPR und CCS. Beim Thema KI könnte ich mir eine herstellerübergreifende Allianz vorstellen, die sich mit nichts anderem als der Kommunikation des Themas beschäftigt. Die Privatwirtschaft könnte bei so einer Initiative öffentliche Stellen (der Staat beschäftigt sich auch intensiv mit KI) und Zivilgesellschaft (z.B. Verbraucherschützer) von Beginn an miteinbeziehen. Gemeinsam könnte es gelingen, die breite Bevölkerung auf diese Reise mitzunehmen.

Einer der Erfolgsfaktoren dabei: Ehrlichkeit. Zu Factfullness gehöert auch die Kommunikation potenzieller Risiken und Blindspots (was weiß man selbst noch nicht?) der neuen Technologien. Wer Fakten schönfärbt oder weglässt, sabotiert damit die eigene Sache besonders wirkungsvoll. "Meine Hoffnung ist es, dass 2018 zu dem Jahr wird, in dem wir endlich eine faktenbasierte, lösungsorientierte und optimistische Debatte über die digitale Zukunft beginnen", so Sabine Bendiek. Das hoffe ich auch. Die (Über)Kommunikation wird dabei eine zentrale Rolle spielen.